Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren

und auf den Fluren laß die Winde los.

(Rilke , Herbsttag)

 

Die ökumenische Umweltgruppe war wieder unterwegs

Nach der aufwendigen Vorbereitung und Durchführung des Marktes der Möglichkeiten vor der Mälzerei, müssen wir einfach mal durchlüften.

Sind wir in den vergangenen Jahren auf gut ausgebauten Wegen an Flüssen entlang geradelt, so treibt es uns in diesem Jahr in die Neustrelitzer Seenlandschaft und den Müritz Nationalpark. Vor uns liegen ca. 180 Kilometer.

Vom Bahnhof Fürstenberg/Havel geht es zunächst in westlicher Richtung zum Atomkraftwerk bei Rheinsberg bzw. zu dem, was davon noch übrig geblieben ist. Seit 22 Jahren arbeitet man an seinem Rückbau. Die strahlenden Bauteile wurden in die Nähe von Greifswald transportiert und dort oberirdisch (!) in einer Halle gelagert. Wenn man bedenkt, dass das AKW für eine Laufzeit von 20 Jahren konzipiert wurde, der Rückbau ca. 25 Jahre dauern wird und ein sicheres Endlager noch nicht vorhanden ist, darf an der Weitsichtigkeit der verantwortlichen Personen in Ost und aber auch in West gezweifelt werden.-

Erfreulicher ist dann der „Ritt" nach Rheinsberg, diesem Städtchen, auf dessen Schloss Friedrich der Große die „glücklichsten Jahre seines Lebens“ verbracht haben soll und das durch Theodor Fontane und Kurt Tucholsky zu literarischer Bekanntheit gelangte.

Nach ausgiebiger Kaffeepause geht es weiter nach Warenthin am Rheinsberger See zur ersten Übernachtungsstation.

Am nächsten Morgen liegt – frei nach Rilke – Schatten auf den Sonnenuhren, mehr noch: es regnet. Durch staubfreie Luft, auf Sandwegen, Landstraßen aber auch komfortablen Radwegen fahren wir nach Johannesruh bei Neu-Drosedow über Zechlinerhütte, wo wir bei einem freundlichen Imbiss-Wirt abtropfen und verbrauchte Kalorien mit Apfelstrudel und ähnlichen Köstlichkeiten ersetzen.

Täglich legen wir um 40 Kilometer zurück. Die durch die Eiszeit geprägte hügelige Landschaft stellt streckenweise hohe Anforderungen an Ross und Reiter. Fahrräder mit Motorunterstützung sind dabei sehr hilfreich.

Gab es in unseren beiden ersten Unterkünften Abendbrot und Frühstück, so müssen wir uns im dritten Quartier selbst versorgen.

Also wird der nächste Bioladen in Neustrelitz angesteuert, um die Zutaten für zwei opulente Mahlzeiten zu kaufen. Nicht ohne noch eine Rundfahrt durch die barocke Stadt gemacht zu haben, setzen wir die Fahrt fort: Marktplatz, Stadtkirche, Rathaus und das Denkmal für die Strelitzie, die ihren Namen zu Ehren der britischen Königin Sophie Charlotte, einer geborenen Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz erhalten hat.

Das heutige Ziel übertrifft alle unsere Erwartungen. Mitten im Buchenwald, an einem stillen See, fern der nächsten Siedlung liegt das Jugendwaldheim Steinmühle. Wo normalerweise Kindern der Blick für die Schönheiten der Natur geöffnet wird und sie den sorgsamen Umgang mit der Schöpfung lernen, darf heute die Ökumenische Umweltgruppe Lichtenrade diesen wunderbaren Ort genießen.

 

 

 

 

 

Dazu gehören auch die Gaumenfreuden, die bei einer lecker zubereiteten Abendmahlzeit in fröhlicher Runde genossen werden. Zum „Nachtisch“ trägt Reinhart das Gedicht „Trost“ von Ina Seidel vor und zur Einstimmung auf den nächsten Tag wird das „Märchen vom Unkraut“ von Hans Fallada vorgelesen; denn wir wollen morgen sein Wohnhaus in Carwitz ansteuern.

Ehe wir uns am nächsten Tag wieder auf die Räder schwingen, finden wir uns am See ein, genießen die Morgenstille und ein von Reinhart vorgetragenes Gedicht von Hölderlin.

An diesem von Literatur und Poesie bestimmten Aufenthalt ahnen wir noch nicht, was dieser Tag an Überraschungen bieten wird.

Bei Feldberg teilt sich die Gruppe. Teil eins umfährt den Luzinsee, Teil zwei lässt sich übersetzen und muss dann aber am anderen Ufer angelangt unter Aufbietung aller Kräfte die Räder und das Gepäck tragend einen unendlich hoch erscheinenden Berg erklimmen. Das kostet Kraft, Zeit und die Besichtigung des Fallada-Museums in Carwitz. Nur ein erfrischendes Bad im See weckt noch einmal die Lebensgeister für die letzte Etappe des Tages, die uns nach Mechow zum Hof Landliebe führt. Die Mühen des Tages sind vergessen als wir einen liebevoll gedeckten Tisch im Schein der Abensdsonne vor unserem Quartier sehen. Unsere Gastgeber haben es verstanden, mit ausgezeichneten Back- und Kochkünsten und der Einrichtung einfacher aber gemütlicher Unterkünfte aus ihrem Hof ein gastronomisches Kleinod zu machen.

Die Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert bietet uns Raum für unsere Sonntags- und gleichzeitige Abschlussandacht. Wir schauen zurück auf die viel zu schnell vergangenen Tage und auf das, was die einzelnen am stärksten beeindruckt hat.

Über Lychen radeln wir auf einem sehr guten Weg nach Templin und schauen unterwegs nach einem Badestopp das Kirchlein von Alt-Placht an. Diese von Hugenotten um 1700 errichtete Fachwerkkirche wurde nach der Wende durch einen Förderverein vor dem Verfall gerettet. Sie steht zwischen 500 Jahre alten Linden, ein Dreiklang von Natur, Kultur und Religion.

Herauskommend aus dem kühlen Wald, schlägt uns wieder die Hitze dieses Sommers entgegen. Letzte Kilometer zum Bahnhof von Templin, Abschied von denen, die im Ort übernachten. Bald hat uns der Lichtenrader Alltag wieder.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich eine Begegnung auf der Rückfahrt:

In Löwenberg (Mark) müssen wir umsteigen. 40 Stufen hoch und 40 Stufen wieder herunter auf den nächsten Bahnsteig, eine Buckelei mit Rädern und Gepäck. Oben angelangt, denken wir mir Grausen an den „Abstieg“. Da kommt uns ein Afrikaner, der das offenbar beobachtet hat, entgegen, schnappt sich unsere beiden Falträder und trägt sie leichten Fußes nach unten. Ein Engel ! 

 

Helmut Herzau