(Fortsetzung von Home-Seite)

Heute führt er uns noch einmal die Situation des selbstzweifelnden Martin Luther und seinen Weg aus der Angst vor dem strafenden Gott vor Augen.
Der Reformator hat diesen Weg durch das Studium der Paulusbriefe gefunden „Wir können und müssen uns nicht vor ihm rechtfertigen. Vielmehr hat sich Gott in der Gestalt seines Sohnes Jesus Christus ein für allemal auf unsere Seite gestellt, hat uns unsere Sünden vergeben und uns gerecht gesprochen.“

„Kommt diese reformatorische Entdeckung auch mir und dir in unserem heutigen Leben zugute?“ fragt Reinhart und weist darauf hin, dass wir meinen, in der gnadenlosen Leistungsgesellschaft stets Erstklassiges leisten zu müssen und es uns nicht verzeihen, wenn nur Mittelmäßiges dabei herauskommt.

Dieser Selbstzweifel ist ähnlich wie bei Luther Ausdruck unserer Gottverlassenheit und mahnt uns, unser Heil nicht in der Leistung zu suchen, sondern uns anzunehmen wie Gott uns angenommen hat mit allen Stärken und Schwächen.

Mit neuem Elan geht es am zweiten Tag nach Mühlberg. Die 65-km-Fahrt wird bei Torgau zum Mittagessen und einer viel zu kurzen Besichtigung unterbrochen. Dort befindet sich einer der schönsten deutschen Schlossbauten der Frührenaissance und, fast unauffällig im westlichen Teil die Schlosskirche, der erste protestantische Kirchenneubau. Luther selbst hat diese Kirche 1544 eingeweiht. Wenn Wittenberg als „Mutter“ der Reformation bezeichnet wird, gilt Torgau als ihre „Amme“. Diese Bezeichnung verdankt die Stadt wohl dem Wirken des Hofpredigers Georg Spalatin, einem Freund Luthers, der gleichzeitig ein Vertrauter des Kurfürsten Friedrich III. (der Weise) war und in dessen Haus wichtige Persönlichkeiten wie Philipp Melanchthon und Johannes Bugenhagen ein- und ausgingen.

In jüngerer Vergangenheit gelangte Torgau in die Schlagzeilen der internationalen Presse als der Ort, in dessen Nähe am 25. April 1945 sowjetische Truppen mit US-amerikanischen Truppen zusammentrafen und das Ende des Zweiten Weltkrieges einleiteten. Daran erinnert ein Denkmal am Torgauer Elbufer.

„Besser langsam-langsam besser“ ist das Motto der ersten Radfahrerkirche in Weßnig, die wir auf der Etappe nach Mühlberg passieren. Trotzdem sputen wir uns, um nicht in die Dunkelheit zu kommen. In dem über tausend Jahre alten Elbstädtchen müssen wir uns auf mehrere Quartiere verteilen. Glücklich, wer seinen müden Körper in einer Zelle des Zisterzienserklosters Marienstern betten durfte.

Dort, in der Klosterkapelle, treffen sich die übrigen Teilnehmer - wir sind inzwischen 19 Personen - am nächsten Morgen zur sonntäglichen Andacht.

46 Kilometer liegen heute vor uns, als wir ausgeruht und geistlich gestärkt in die Pedalen treten. Das Wetter könnte nicht besser sein. Leicht bewölkter Himmel. Ausgezeichnete Stimmung. Der Radweg ist gut befahrbar. Doch trotz kleiner Pausen, in denen Margrits Apfelstückchen die Runde machen, knurrt irgendwann der Magen. Heute, am 3. September hat jedoch das angepeilte Gasthaus bereits seine Pforten geschlossen. Dank moderner Navigationstechnik und nach Überwindung eines holprigen Wiesenweges und einiger zusätzlicher Kilometer lassen wir es uns in der Elbklause von Niederlommatzsch endlich gut gehen. Einen Teil der Gruppe setzt der Fährmann über, denn der östliche Radweg soll keine Steigungen haben. Ein Gerücht, wie es sich dann herausstellt! Dennoch ist der Weg weiterhin sehr schön.

 

 

Er führt uns an Weinbergen entlang nach Meißen. Schon von weitem entdecken wir auf der anderen Flussseite die Albrechtsburg, das stolze Wahrzeichen der Stadt.

Jetzt sind es nur noch 26 Kilometer, die wir am Montag, dem letzten Radeltag, bis zu unserem Endziel Dresden zurücklegen müssen. Die Morgenandacht hält Reinhart auf dem idyllischen Rastplatz neben einer Streuobstwiese.

Voller Erwartung fahren wir nun die letzten Kilometer in die sächsische Hauptstadt Dresden, wo wir um 12 Uhr im „Café und Weltladen „aha“ zum Mittagessen erwartet werden. Aha steht für anders handeln. Das Essen und die Getränke schmecken köstlich!

Anschließend sind wir mit Anna Groschwitz, der Referentin von "anders wachsen" verabredet. „Anders wachsen” ist eine ehrenamtlich getragene, christliche Initiative, die Öffentlichkeit für Alternativen zum Wirt-schaftswachstum herstellen will.  Anna Groschwitz begeistert uns mit ihrer Methode, Menschen für das Thema zu interessieren. Wir bekommen noch einmal vor Augen geführt, dass die von Politikern und Wirtschaftsexperten geforderte Steigerung des Wirtschaftswachstums in eine Sackgasse führt, weil es mit der irreparablen Plünderung unseres Planeten sowie gesundheitlichen und sozialen Schäden einhergeht.

Sehr beeindruckend finden wir die Worte von Pfarrer Walter Lechner, einem Mitbegründer von anders wachsen, mit denen Frau Groschwitz ihren Vortrag beendet:

Die in der Kirche verbreitete Vorstellung,

die Verkündigung des Evangeliums ließe sich trennen

vom Einsatz für Gerechtigkeit und der Schöpfungsbewahrung,

ist zerstörerisch –

nicht nur für die Welt

und für die Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden.

Sondern vor allem für uns selbst.

Wenn wir als Kirche und Christen das Evangelium verkündigen,

ohne in gleicher Weise in Reden und Handeln nach Gerechtigkeit zu trachten,

dann beschädigt das die Wahrhaftigkeit unserer Botschaft,

dann beschädigt das uns in unserer Integrität als Kinder Gottes.

Gerade weil wir eine Vorstellung haben von Gottes Willen für die Welt,

müssen wir uns falschen Vorstellungen widersetzen,

richtige Schritte tun

und die richtigen Forderungen stellen.

Es ist keine Möglichkeit unter anderen.

Es ist Nachfolge.

 

Mit der Teilnahme am Friedensgebet in der Kreuzkirche beenden wir unser beeindruckendes und bereicherndes Programm in Dresden.

Ehe wir mit dem Bus oder der Bahn wieder heimfahren, verbringen wir noch einen geselligen und durch den beeindruckenden Sonnenuntergang (s. Foto oben) sehr romantischen Abschiedsabend auf dem Oberdeck unseres Quartiers, dem Jugendschiff des CVJM.

 

Helmut Herzau